Drucken  Sitemap

SCHWERPUNKT-THEMA des aktuellen Mitteilungsblattes 4/11


National- und Ständeratswahlen 2011

Eine persönliche Analyse

Die Ausgangslage
Vor den diesjährigen eidgenössischen Wahlen war der Frauenanteil im National- und Ständerat alles andere als ausgewogen: Im Ständerat betrug er gerade einmal 17.4 %, im Nationalrat 30 %. In unserem Kanton hatten wir zwar im Ständerat eine paritätische Vertretung. Im Nationalrat war der Kanton St.Gallen jedoch mit nur drei Frauen und damit mit einem Frauenanteil von einem Viertel vertreten, womit wir unter dem gesamtschweizerischen Durchschnitt lagen – Prädikat ungenügend! Der Schluss, Frauen würden halt nur in ungenügendem Ausmass gewählt, wäre allerdings zu kurz gegriffen.




"Wir Frauen rudern gemeinsam nach Bern" Bootsevent vom 15. August 2011

 

Gewählt werden kann selbstverständlich nur diejenige Frau, welche sich auch zur Wahl stellt – und hier liegt ein grundsätzliches Problem: Während bei den National- und Ständeratswahlen 2003 in unserem Kanton der Frauenanteil auf den verschiedenen Listen schon damals nur magere 34.4 % betrug, brachten es die Frauen bei den eidgenössischen Wahlen 2007 noch gerade auf 32.9 %.
Die Ursachenforschung ist schwierig. Vor dem Hintergrund vieler Gespräche mit Frauen und auch Parteiverantwortlichen orte ich die Hauptursache aber nicht darin, dass die Parteien bzw. deren Mitglieder Frauen, welche sich zur Wahl stellen wollen, die Nomination verweigern. Vielmehr ist es für viele Parteien – für die einen mehr, für die anderen etwas weniger – schwierig, Frauen zu finden, die bereit sind, sich auf einen Wahlkampf und den damit verbundenen Aufwand einzulassen. Gründe werden verschiedene angeführt. Vielfach sind es die mangelnden zeitlichen Ressourcen. Einen Wahlkampf neben der Familie und dem Beruf zu führen, von der zukünftigen Ausübung des Amtes ganz zu schweigen, bringt Frauen dazu, abzuwinken. Das ist grundsätzlich legitim. Weniger Verständnis habe ich dafür, wenn Frauen zum vorneherein eine Absage erteilen, weil sie sich ein politisches Amt nicht zutrauen. Obwohl ich Stereotypen wie «typisch weiblich» bzw. «typisch männlich» grundsätzlich ablehne, sehe ich hier doch eine verbreitet weibliche Eigenart. Frauen sind zu sich selber in ihrer Selbsteinschätzung vielfach sehr viel kritischer als Männer in vergleichbaren Situationen.
Dies wird mir auch immer wieder aus andern Bereichen bestätigt. So beispielsweise von Personalverantwortlichen, die berichten, dass Frauen in Bewerbungsgesprächen nicht selten darauf hinweisen, welche Eigenschaften sie für die ausgeschriebene Stelle nicht mitbringen – während die männlichen Mitbewerber in erster Linie das hervorstreichen, was sie für die Stelle auszeichnet. Oder anders gesagt: Wenn in einem Stelleninserat zehn Punkte aufgelistet sind, welche die Bewerbenden zu erfüllen haben, so schafft es eine Frau, welche neun erfüllt, auf dem einen anderen Punkt zu verharren, während der Mann, welcher vielleicht nur gerade diesen einen Punkt erfüllt, diesen speziell betont und die anderen ausblendet. Vielleicht etwas plakativ ausgedrückt, aber in der Tendenz leider wahr.

Vor diesem Hintergrund hatte ich mich entschieden, selber für einen Sitz im Nationalrat zu kandidieren. War es im Rahmen meines ganz persönlichen Entscheidungsprozesses zu Beginn auch ein gewisser Druck, den Worten nun eigene Taten folgen zu lassen, so bin ich schliesslich mit Lust und Freude eingestiegen, um meinen Beitrag zu einer besseren Frauenvertretung zu leisten.

Der Wahlkampf
Persönlich kann ich hinsichtlich Wahlkampf ein positives Fazit ziehen: Die verschiedensten Aktivitäten von der Standaktion «auf der Strasse» über die Podiumsdiskussion zu aktuellen politischen Fragen bis hin zu professionellen Fotoshootings haben den Blick geöffnet, Kontakte zu unterschiedlichsten Personen ermöglicht und die eigenen Einstellungen geschärft. Aber es sei nicht verhehlt: Der zeitliche Aufwand war gross und ohne ein «mittragendes» Umfeld wäre er nicht zu bewältigen gewesen.
Ausgesprochen Freude machte mir die Zusammenarbeit mit den anderen Kandidatinnen, über die Parteigrenzen hinaus. Für mich persönlich der Höhepunkt der gemeinsamen Aktivitäten war der Bootsevent im August auf dem Bodensee: Wir – 23 Kandidatinnen – setzten uns, quer durch alle Parteien und Gruppierungen, wortwörtlich «ins selbe Boot» (bzw. in drei Kanadier) und nahmen mit vereinten Kräften sinnbildlich den Weg nach Bern in Angriff. Dieser Anlass schaffte ein «Wir-Gefühl», wie ich es an überparteilichen Anlässen noch nie erlebt hatte. Neben der Platzierung der politischen Botschaft – mehr Frauen nach Bern – machte der Anlass auch Spass und ermöglichte es, dass wir Kandidatinnen uns fern vom politischen Wahlkampfalltag einmal auf ganz andere Weise kennenlernen und austauschen konnten. Im Rahmen dieses von den Medien breit beachteten Events wurde sodann eine Sonderausgabe des Mitteilungsblattes der Frauenzentrale vorgestellt, in welchem sich die Kandidatinnen – wiederum unabhängig von politischer Einstellung und Parteizugehörigkeit – in persönlichen Portraits der Wählerschaft vorstellen konnten. Dies erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der online-Plattform www.ostschweizerinnen.ch, wo die Portraits abrufbar waren. Interessierten Kandidatinnen wurde zudem ein Argumentations- und Rhetorik-Workshop unter der professionellen Leitung von Silvia von Ballmoos angeboten.

Das Ergebnis
Zusammen hatten wir Frauen viel vor. Klares Ziel war, dass in der nächsten Legislatur mehr Frauen als bis anhin Einsitz in die eidgenössischen Räte nehmen. Das gesamtschweizerische Ergebnis ist ernüchternd: Der Frauenanteil im Nationalrat beträgt neu 29.5 % – im Vergleich zu 2007 minus 0.5 %. Im Ständerat sind nun nach den zweiten Wahlgängen neun Frauen vertreten, das entspricht 19.6 % – derselbe Stand, den wir 2009/10 schon einmal hatten.
Besser sieht es in unserem Kanton aus: Mit der Wahl von Karin Keller-Sutter konnte im Ständerat der bisher von Erika Forster gehaltene Sitz souverän in Frauenhand behalten werden. Ziel erreicht heisst es sodann nach dem zweiten Wahlgang der Ständeratswahlen auch hinsichtlich Nationalrat: Mit der Wiederwahl von Hildegard Fässler, Yvonne Gilli und Lucrezia Meier-Schatz sowie der Wahl von Margrit Kessler umfasste die St.Galler Delegation im Nationalrat neu vier statt bisher drei Frauen und damit einen Frauenanteil von einem Drittel. Zusätzlich wird nun Barbara Gysi, welche das Mandat des neu gewählten Ständerates Paul Rechsteiner übernimmt, die St.Galler Bevölkerung im Nationalrat vertreten. So können wir uns auf fünf kompetente St.Galler Nationalrätinnen in Bern verlassen.
Wir nähern uns langsam der paritätischen Verteilung der politischen Mandate. Das freut uns sehr, was aber noch kein Grund ist, sich zurückzulehnen. So gesehen gilt klar: Nach den Wahlen ist vor den Wahlen – auf in den Wahlkampf 2015!

Susanne Vincenz-Stauffacher
Präsidentin